Samstag, 16. Mai 2015

Sprachgestaltung, therapeutische

Benutzt Sprache und sprecherische Ausdrucksfähigkeit als therapeutisches Mittel zur Selbstgestaltung.
Übungen in Lautbildung, Geste, Stimme und Atem regen physiologische und seelische Prozesse an, die
zur Behandlung von Atem-, Stimm- und Sprechstörungen eingesetzt werden. Besonders stärkend wirkt
die gezielte Anwendung dichterischer Elemente aus Epik, Lyrik und Dramatik auf die menschliche Autonomie – 
von der körpereigenen Abwehr bis hin zur bewussten, individuellen Lebensführung. 

Sprachgestaltung ist die von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, und Marie Steiner-
von Sivers erneuerte Sprachkunst. Sie wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf Grundlage
des anthroposophischen Menschenbildes entwickelt und führte zu neuen Formen der Rezitation
und des Schauspiels. Gleichzeitig entstanden aber auch vielfältige Anregungen für eine pädagogische
und therapeutische Anwendung der Sprache. In der Sprachgestaltung werden zu der inhaltlichen
Seite der Sprache ihre Elemente wie Lautqualitäten, Rhythmen und Atemführung entwickelt
und geschult. Dabei steigern sich Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit, die Wahrnehmung
und besonders das Hören. Im Künstlerischen werden diese Elemente und Mittel eingesetzt, um
Dichtung ihrem geistig-seelischen Gehalt nach zu erfassen und entsprechend darzustellen.
Zur therapeutischen Anwendung kommen sie, um Einseitigkeiten in der Sprache von Kindern und
Erwachsenen, die eine Folge krankhafter Störungen sind, auszugleichen. Dieser Ausgleich geschieht
in zweifacher Weise: Durch Harmonisierung des Sprechvorganges selber und durch Arbeit
mit den therapeutischen Kräften der Laute und Sprachelemente.

Wege zur Therapie

Sobald ein Wort ausgesprochen wird, ist es schon durch Gedanken, Wille und Gefühl geformt.
Warum? Der gedankliche Inhalt ertönt nur als Sprache, wenn etwas gewollt wird. Dabei hört der
aufmerksame Zuhörer immer eine entsprechende Gefühlsnuance («Der Ton macht die Musik»).
So heisst Sprechen, bewusstes Zusammenführen der drei Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen.
Wir finden eine Entsprechung dazu in der Polarität von Artikulation und Stimmklang, die
durch den Atem zur Sprache verbunden werden.
Insofern alle Krankheiten Vereinseitigungen bestimmter Lebensprozesse darstellen, denen verhärtende
oder auflösende Tendenzen, eventuell beide gleichzeitig, zugrundeliegen, werden solche
auch in der Sprache erscheinen. Zum Beispiel als falsche, schwache oder übermässige Artikulation,
als Stimmstörung und falsche Atmung. In den von Rudolf Steiner entwickelten Übungsgruppen
werden die betreffenden Gebiete einzeln geschult. 

Es sind vor allem:

• Artikulationsübungen
• Atemübungen
• Geläufigkeitsübungen
• Stimmstellübungen
• Therapeutische und gezielt auf bestimmte Organgebiete wirkende Übungen.

Sie werden mit Rhythmen, Bewegung und Gebärde verbunden, um vom bewussten Erleben der
Sprachwerkzeuge zur freien Gestaltung der Sprache im Ausatmungsstrom zu führen. Die musikalischen
Kräfte der Vokale und jene mehr plastisch gestaltenden der Konsonanten können auflösende
oder verhärtende Tendenzen ausgleichen. Die Lautgestalt des Wortes erweist sich als sinnvolles
Gebilde voll schöpferisch lebendiger Kraft.

Therapeutische Prinzipien

Im Folgenden werden einige therapeutische Möglichkeiten der Sprachgestaltung dargestellt:
Durch Stosslaute, Blaselaute, Zitter- und Wellenlaut (Beispiel: d, f, r, l), die in der Sprache den
vier Elementen vergleichbar sind, können Übungen mit inkarnierend verdichtender oder exkarnierend
lösender Konsonantenfolge gewählt werden (Beispiel: f-r-l-d oder t-l-s). Ausserdem entsteht
die Möglichkeit, Gegensätze (Feuer/Erde) aufeinander wirken zu lassen. Damit wird Beweglichkeit
der Sprachwerkzeuge gewonnen.

Durch die drei Hauptartikulationsstellen Lippen, Zähne/Zunge, Gaumen entsteht eine räumliche
Ordnung der Laute, die im gewöhnlichen Sprechen ungeordnet und damit unwirksam ist. Übungen,
die gezielt an einer Artikulationsstelle arbeiten, erreichen starke Wirkungen, deren Charakter
hier nur gestreift werden kann. Neben der Korrektur fehlerhafter Konsonanten oder der
Einstellung des Stimmansatzes ist vor allem der Zusammenhang dieser Ansatzorte mit Gefühlen
wesentlich. Dies wird deutlich an sprichwörtlichen Äusserungen wie: «Er brachte es nicht über die
Lippen», «Hüte deine Zunge», oder «Er hat es geschluckt». Sprachgestaltung -arbeitet gezielt mit
diesem Zusammenhang. Andererseits können geschwächte Ansatzorte gestärkt und durch deren
Zusammenhang mit bestimmten Körperregionen diese beeinflusst werden.

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