Sonntag, 17. Mai 2015

Atemtherapie / Atemschulung

...in der Regel ist das Atmen ein unbewusster Vorgang. Oft wird man sich der Atmung erst bei einer körperlichen Anstrengung oder bei einer seelischen Belastung bewusst. Viele Menschen haben jedoch eine falsche Atemtechnik - ohne es zu wissen. Hektik und Stress der modernen Lebensweise tragen ebenso wie Bewegungsmangel, Fehlhaltungen oder Übergewicht dazu bei, dass es manchen Menschen «den Atem verschlägt». Dies kann zu verschiedenen Beschwerden und Erkrankungen führen. In der Atemtherapie lernt man, auch das «alltägliche» Atmen bewusst wahrzunehmen und allenfalls zu verändern.

Philosophie / EntstehungsgeschichteAtemtherapie gehört zu den Heilmethoden, die seit der Antike ihre Anhänger und Befürworter erhalten hat. Zur Zeit gewinnt die Berücksichtigung und Schulung des Atems erneut an Gewicht, z. B. durch die Zunahme von Atemwegserkrankungen infolge Umweltverschmutzung und vermehrter Stressoren im modernen Alltag der Menschen. Die Atemtherapie ist ein körperzentriertes Verfahren, das auf Erkenntnissen aus wissenschaftlich erforschten Gebieten von Medizin, Pädagogik und Psychologie basiert. Mit Atemtherapie werden Selbstheilungskräfte aktiviert, deshalb eignet sich diese Methode sowohl als Prävention als auch zur therapeutischen Ausrichtung sowie als Begleittherapie zu verschiedensten Behandlungsformen 
(z.B. Psycho- oder Physiotherapie, Massage, medikamentöse Therapien etc.).

Unter Atemtherapie verstehen wir verschiedene Behandlungskonzepte, die über ein reines Atemtraining hinaus auch psycho-dynamische Aspekte berücksichtigen. Es gibt verschiedene atemtherapeutische Richtungen und Schulen, zum Beispiel die Methode nach Klara Wolf, die Atemlehre nach Ilse Middendorf oder LIKA (siehe Methodenbeschreibungen) 
Gemeinsames: Das Üben am Atmen soll den Menschen mehr Selbsterkenntnis und Vertrauen vermitteln. Dadurch werden die positiven Kräfte gestützt, die dazu beitragen können, Beschwerden und Erkrankungen zu heilen.
Eine sinnvolle Therapiedauer beträgt je nach Krankheitsbild zwischen 12 und 20 Sitzungen. Von den meisten Krankenkassen wird über eine entsprechende Zusatzversicherung ein Beitrag an die Atemtherapie der nachfolgend vorgestellten Methoden geleistet, wenn der Therapeut von der betreffenden Kasse anerkannt ist. Der Leistungsumfang differiert je nach Kasse und Versicherungskonditionen. 


Technik / Anwendungen / SettingDie Atemtherapie kann entweder als Einzel- oder als Gruppentherapie durchgeführt werden. Die Auswahl der Behandlungsform orientiert sich an den Voraussetzungen und Bedürfnissen des Patienten.
In der Einzeltherapie kann sich der Atemtherapeut gezielter mit den Problemen des Patienten auseinandersetzen, in der Gruppentherapie wird die Wirkung der Behandlung durch das Gemeinschaftserlebnis mit den anderen Gruppenteilnehmern verstärkt. Unsere Erfahrung in langjähriger Atempraxis hat gezeigt, dass in der Regel ein „Einstieg“ mit Einzelstunden zweckmässig ist. Für den nachhaltigen Integrationsprozess nach einer Individualtherapie und zur Prävention empfehlen wir die Fortsetzung von Atemarbeit in Gruppen. 

EinsatzmöglichkeitenAtemtherapie kann mit allen Menschen durchgeführt werden, denen es möglich ist, sich aktiv am Behandlungsprozess (körperlich/seelisch/geistig) zu beteiligen. Dazu gehören auch Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, Menschen mit erschwerter Mobilität (z. B. gehbehinderte oder rollstuhlabhängige Menschen) und bettlägerige Menschen. Die Atemtherapie ist grundsätzlich bei vielen verschiedenen Beschwerden und Erkrankungen anwendbar. Auch gesunde Menschen können von einer Atemtherapie profitieren. Besonders geeignet ist die Atemtherapie bei:


- Krankheiten der Atmungsorgane
- Fehlhaltungen, Rücken- und Gelenkschmerzen
- Schmerzzustände
- Allergien/Hautkrankheiten
- Verdauungsbeschwerden v. a. funktioneller Art
- Herz- Kreislaufprobleme v. a. funktioneller Art
- Begleitung in Krisenzeiten (z. B. bei Tumorleiden, Neurologischen Erkrankungen, Sterbebegleitung, Schwangerschaftskomplikationen, nach Transplantationen) 
- Rehabilitation (z. B. nach Herzinfarkt, Unfall)
- Migräne/Kopfschmerzen
- Menstruationsstörungen, Wechseljahrbeschwerden
- Schlafstörungen
- Psychische Erkrankungen (z. B. depressive Verstimmungen)
- Ängste (z. B. generalisierte Ängste, Phobien oder Angst vor medizinischen Eingriffen und Untersuchungen)
- Panikattacken, Zwangsneurosen (als Teil des therapeutischen Angebotes, z. B. kombiniert mit Psychotherapie)
- Nervosität, Stress, Spannungs- und Erschöpfungszustände
- Stimm- und Sprechstörungen
- Schwangerschaftsbegleitung / Geburtsvorbereitungen 
- Konzentrationsstörungen

Behandlungsziele sind:- Verbesserung der Atemfunktion
- Erreichen eines ausgeglichenen Muskeltonus (Eutonus)
- Verbesserung der Körperhaltung
- Analysieren, wieder einüben und integrieren von physiologischen Bewegungsabläufen, die mit der Atmung im Zusammenhang stehen
- Ausbalancieren des vegetativen Nervensystems 
- Verminderung der Infektanfälligkeit
- Individuelle Leistungssteigerung, (z.B. beim Treppensteigen oder Sport)
- Verbesserung der Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit
- Mitarbeit zur Auflösung von einschränkenden Verhaltensmustern (körperlich, psychisch, geistig) 
- Förderung des Selbstvertrauens
- Erweiterung der Selbstwahrnehmung
- Förderung der psychischen Stabilität
- Unterstützung der Stimme (Sprech- und Gesangsstimme)
- Unterstützung während der Schwangerschaft und zur Geburtsvorbereitung


Nebenwirkungen / VorsichtsmaßnahmenDie Atemtherapie ist eine sanfte Behandlungsmethode, bei der in der Regel keine Nebenwirkungen zu befürchten sind. Wenn eine akute, schwere Erkrankung vorliegt (zum Beispiel eine Lungenentzündung), sollte man mit der Anwendung der Atemtherapie jedoch warten, bis sich der Gesundheitszustand bessert. Bei ernsthaften seelischen Krankheiten ist eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Atemtherapeuten und dem betreuenden Arzt notwendig.


Methodenbeschreibungen
Die berufsbegleitende Ausbildung zum Atemtherapeuten dauert heute ca. 3 Jahre und kann je nach Schule unterschiedliche Schwerpunkte beinhalten. Dieser Umstand stellt für interessierte Klienten oder Ärzte und andere Fachleute oft eine Schwierigkeit dar, wenn sie entscheiden wollen, welche Richtung nun die Geeignete für ein bestimmtes Beschwerdebild oder einen bestimmten Menschen ist. 
Die verschiedenen Schulen und Methoden der Atemtherapie setzen unterschiedliche Schwerpunkte: die Methode Middendorf orientiert sich am individuellen Atemrhythmus des Patienten; die Methode Klara Wolf ist stark auf atempädagogische Vorgehensweisen konzentriert und bietet den Klienten ein körperliches Aufbautraining mit bewusster Atempflege; die Methode LIKA setzt auf Eutonie ausgerichtete Verfahren ein um den Umraumbezug und die Kontaktfähigkeit des Menschen zu fördern.
Drei Methoden werden hier kurz beschrieben:

Der erfahrbare Atem - Ilse Middendorf
Durch Bewegungs- und Haltungsübungen sowie durch spezielle Behandlungsgriffe (ähnlich wie bei der Massage oder Krankengymnastik) soll die Atmung angeregt und vertieft, der Atemrhythmus den physiologischen Bedürfnissen des Patienten angeglichen und muskuläre Blockierungen aufgelöst werden. Dies wirkt sich u.a. harmonisierend auf die Körperspannung und auf das vegetative Nervensystem aus, welches die elementaren Regelprozesse im Körper steuert. 
Nach jedem Behandlungs- oder Übungsschritt werden die Veränderungen im körperlichen und psychischen Befinden des Patienten bewusst wahrgenommen und mit dem Therapeuten reflektiert. Dieses “Nachspüren” zwischen den Therapieschritten, verbunden mit dem beratenden Gespräch, soll dem Patienten helfen, die verborgenen Zusammenhänge zwischen seinem Leiden und seinen unbewussten Haltungs- und Verhaltensmustern zu erkennen und zu verändern.

Integrale Atemschulung Methode Klara WolfIn der Atemarbeit nach Klara Wolf absolviert der Klient selbst ein körperliches Aufbautraining mit integrierter bewusster Atempflege. Mit einfachen Erklärungen und Wahrnehmungsübungen zur funktionellen Anatomie werden Fehlhaltungen bewusst gemacht und das Interesse am naturgemässen eigenen Tun geweckt. Die Wahrnehmung von eigenen Verhaltensmustern während der Atem- und Körperarbeit erinnert den Klienten auch an Reaktionen in seinem alltäglichen Verhalten. Er lernt dafür seine Atem- und Körperreaktionen in Ruhe und im Tun zu beobachten und bei Bedarf nach physiologischen Gesichtspunkten zu korrigieren, wodurch sich auch im Alltag eine bessere Reaktionsfähigkeit der Atmungsorgane, ein verbessertes Haltungs- und Selbstverständnis einstellt. Bei hoher innerer oder muskulärer Grundspannung wird diese aktive Atem- und Körperarbeit mit passiven Rückenbehandlungen durch die Atempädagogin ergänzt. 

LIKA (Lehrinstitut für PsychoDynamische Körper- und Atemtherapie)Die Methode LIKA baut auf der Atem- und Bewegungslehre von Prof. Dr. med. Glaser auf, seiner psychodynamischen und psychosozialen Interpretation des Meridiansystems und integriert zudem verschiedene Ansätze aus der Körper-, Atem- und Psychotherapie, insbesondere von J. L. Rosenberg. 
Die Methode LIKA orientiert sich an der momentanen Befindlichkeit des Menschen, die sich in seinem aktuellen Atemgeschehen ausdrückt. Berücksichtigt werden auch lebensgeschichtliche Aspekte, die sich in Atem-, Haltungs- und Bewegungsmustern zeigen können. Dabei werden lösungsorientierte, auf Eutonie ausgerichtete Verfahren eingesetzt wie Atemmassage, Raumempfindungs- und Kontaktübungen. In der Atemmassage werden spezielle Griffe eingesetzt, um dem Menschen zum Beispiel zu mehr Atemweite zu verhelfen und damit die Grenzen seines Begegnungsraumes auszuweiten, seine Präsenz in diesem Raum anzufordern oder seine Reagibilität und Spontaneität zu fördern. 
Weitere Interventionsmöglichkeiten sind Bewegungs- und Atemmeditationen, Atemübungen, Haltungs-, Bewegungs- und Stimmübungen. Zum Aufbau neuer Verhaltensmöglichkeiten und Handlungsperspektiven im Alltag werden ressourcenorientiert die atemwirksamen psychodynamischen Meridianbehandlungen LIKA angeboten. Ziel ist dabei immer die Lösung von muskulären Spannungen und Blockaden, die Regulation von Atemfehlverhalten und vegetativen Störungen sowie die Aktivierung der Selbstheilungskräfte.

Text: Félicie de Roche, Basel

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